Unredliches Publizieren besteht längst nicht mehr nur aus „Predatory Journals“. Stattdessen hat sich ein Geflecht von verschiedenen – teils aufeinander abgestimmter – Praktiken etabliert. Gleichzeitig eröffnet insbesondere generative KI völlig neue Manipulationsmöglichkeiten für Akteur:innen, die wissenschaftliche Kommunikationskanäle systematisch ausnutzen. Das führt dazu, dass sich unredliche Praktiken weiter ausbreiten und oft schwer zu erkennen sind.
Hier im ZB MED-Blog haben wir in verschiedenen Beiträgen über die Entwicklungen und Ausprägungen solcher Predatory Practices berichtet. Dieser Beitrag bündelt zentrale Entwicklungen und Risiken: von Journal Hijacking über räuberische Konferenzen, Review Mills und Paper Mills bis hin zum Einsatz generativer KI zur Massenproduktion gefälschter Forschung.
Predatory Conferences – wenn „Konferenz“ nur Kulisse ist
Wenn man an unseriöse Publikationspraktiken denkt, sind es vermutlich die Predatory Journals, die einem mit als erstes in den Sinn kommen. Dabei handelt es sich um über Publikationsgebühren finanzierte Zeitschriften, die keine oder nur eine unzureichende Leistung für das Geld erbringen und insbesondere auf eine gründliche Begutachtung verzichten. Vertiefende Informationen zu diesen Vorgehensweisen, die auch unter dem Begriff „Predatory Publishing“ zusammengefasst werden, und wie man solche unseriösen Zeitschriften erkennt, gibt es zum Nachlesen in unserem FAQ.
Eine Spielart von Predatory Practices, die genauso darauf setzt, möglichst viel Geld mit unseriösen und unwissenschaftlichen Praktiken zu verdienen, sind Predatory Conferences. Dabei werden Wissenschaftler:innen mithilfe irreführender E-Mails zur Teilnahme an Konferenzen eingeladen, die sich vor Ort als unseriös herausstellen und ihren Zweck nicht erfüllen. Dabei ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich, ob eine Einladung zu einer Konferenz seriös ist oder nicht. Woran räuberische Konferenzen zu erkennen sind und weitere Informationen zum Thema können Sie in diesem Blogbeitrag nachlesen.
Verwechslungsgefahr – Journal Hijacking mit neuen Vorgehensweisen
Ein Grund, warum Predatory Practices so erfolgreich sind, ist die gezielte Verwechslungsgefahr. Betrüger:innen kopieren bekannte Websiteauftritte seriöser Zeitschriften, manipulieren URLs oder übernehmen Domains, um Manuskripteinreichungen und Publikationsgebühren abzufangen. Oder sie nehmen bewährte Zeitschriften und erstellen dafür neue, minimal veränderte, Internetauftritte. In beiden Fällen wird auf Verwechslung gesetzt. Man spricht bei dieser Methode vom Journal Hijacking – eine Vorgehensweise, die bereits seit längerem bekannt ist.
In den letzten Jahren ist eine zusätzliche Ebene hinzugekommen: Indexjacking, also das Unterwandern von Datenbanken. Dabei werden Links von Zeitschriften in Datenbanken geändert und auf die Einreichungsseiten unseriöser Angebote geleitet. Welche gravierenden Folgen dies haben kann, welche Maßnahmen bereits unternommen worden sind, um das Vorgehen einzudämmen und mit welchem Erfolg, lesen Sie hier.
Review Mills und Paper Mills – wissenschaftliche Publikationen als Ware
Ein zentrales Instrument wissenschaftlicher Qualitätssicherung ist das Peer-Review-Verfahren. Dabei prüfen Wissenschafter:innen aus den jeweiligen Fachbereichen eingereichte Manuskripte unter anderem auf Validität, um auf dieser Basis über die Publikation zu entscheiden. Aber auch dieser so entscheidende Schritt im Publikationsprozess ist von Manipulation betroffen.
So gibt es Gutachter:innen, die auffällig viele Gutachten verfassen, was sich als problematisch darstellt, wenn diese wenig Substanz haben, Plagiate enthalten oder anderweitig gegen die gute wissenschaftliche Praxis verstoßen. Werden Reviews in großen Massen erstellt, spricht man von Review Mills. Sie sind häufig eng mit Paper Mills verbunden, die massenhaft Artikel produzieren, denen keine reale Forschung zugrunde liegt. Solche – mit hoher Wahrscheinlichkeit KI-generierten – Artikel werden durch manipulierte Begutachtungsverfahren begleitet, um eine Publikation gezielt sicherzustellen. Das Ergebnis: Beiträge wirken „regulär begutachtet“, obwohl eine echte inhaltliche Qualitätsprüfung oft nicht stattgefunden hat. Wie die einzelnen betrügerischen Schritte aussehen und welcher anderer Unterwanderungsmethoden sich Paper Mills und Review Mills bedienen, aber auch wie an anderer Stelle Begutachtungsverfahren manipuliert werden, können Sie in dem folgenden Beitrag nachlesen.
KI als Verstärker – wie generative KI-Tools unseriöse Praktiken beschleunigen und was nun zu tun ist?
Der Einsatz von generativer KI erleichtert und beschleunigt unseriöse Publikationspraktiken in vielerlei Hinsicht: von der massenhaften Erstellung scheinbar wissenschaftlicher Artikel ohne Forschungshintergrund über die automatisierte Produktion von Gutachten bis hin zur Generierung thematisch passender Referenzen oder dem Aufbau täuschend glaubwürdiger Webauftritte für Journal Hijacking. In diesem Artikel finden Sie weitere Beispiele und Hintergründe zum Einsatz von KI bei unseriösen Publikationspraktiken.
Doch was bedeutet es nun für Autor:innen? Eine kritische Prüfung von Zeitschriften, Konferenzen und anderen Einreichungsplattformen bleibt weiterhin unerlässlich. Gerade wegen der zunehmenden Ausprägung der verschiedenen Spielarten von Predatory Practices ist es wichtiger denn je, aufmerksamer beim Publizieren und Lesen zu sein und natürlich auch, sich über aktuelle Entwicklungen auf dem Stand zu halten. In unseren FAQs zum wissenschaftlichen Arbeiten finden Sie einen Informationstext zum Einsatz von generativer KI beim wissenschaftlichen Publizieren, in dem Sie erfahren, welche Möglichkeiten generative KI-Tools bietet, wie und wo sie zum Einsatz kommen können und vor allem, worauf zu achten ist, wenn es um die Einhaltung der guten wissenschaftlichen Praxis geht: zum FAQ.
Weitere nützliche Informationen auf einen Blick:
- Neben den im Text verlinkten FAQs zu Fragen rund ums wissenschaftliche Arbeiten und Publizieren, finden Sie viele weitere zum Thema. Eine Übersicht aller FAQs gibt es hier.
- Plattform für Informationen zu Open-Access-Zeitschriften: Directory of Open Access Journals (DOAJ)
- Plattform mit hilfreichen Tipps zur Überprüfung von Zeitschriften: Think. Check. Submit.
- Plattform mit hilfreichen Tipps zur Überprüfung von Konferenzen: Think. Check. Attend.
- Podcast: Paper Mills und Fake Journals – Wissenschaftlicher Betrug im großen Stil
- Materialien zu LLM Literacy



