Der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) überreichte ZB MED am 29. Oktober 2026 in Köln den mit 20.000 Euro dotierten Preis „Bibliothek des Jahres 2026“. Durch den Festakt führte die Moderatorin Ninia LaGrande, die auch einen eigens zu diesem Anlass verfassten Poetry Slam vortrug:
„Der Roman „Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig beginnt damit, dass die Protagonistin Nora in dem Versuch, sich das Leben zu nehmen in einer Art Zwischenwelt landet – eben jener Mitternachtsbibliothek. Dort begegnet sie ihrer früheren Schulbibliothekarin Mrs Elm und erlebt anhand der unzähligen Bücher der Bibliotheken mögliche Versionen ihres Lebens, wenn sie an dieser oder jener Stelle anders abgebogen wäre. Lola liest, sozusagen.
Beim Lesen des Buches erinnerte ich mich an meine ersten Erfahrungen mit einer Bibliothek. Ich las viel und schnell. (Noch) keine wissenschaftlichen Publikationen oder Fachbücher, aber dafür in einer Geschwindigkeit, die meine Mutter veranlasste, mit mir zur Stadtbücherei zu gehen und mich durch das Tor der literarischen Möglichkeiten schreiten zu lassen. In den darauffolgenden Jahren atmete ich jedes Buch ein, das sich in der Kinder- und Jugendabteilung versteckte. Jedes. Die Bibliothek war für mich ein Rückzugsort, eine Art Vereinsheim der Leseratten, ein Zuhause. Und natürlich war sie – auch, wenn mir das in diesem Alter nicht bewusst war, ein Ort der Bildung, der Demokratie, der Wissenschaft.
ZB MED ist genau das – ein Ort der Bildung, der Demokratie, der Wissenschaft. Ein historischer, digitaler, ortsunabhängiger Ort. Wie geht das? Ortsunabhängiger Ort. Nun, wir haben ein Gebäude. Es ist da. Wir sind drin. Jetzt gerade. Und doch ist dieser Ort so viel größer als wir erfassen können. Die Mrs Elm von ZB MED ist eine Krake unzähliger Forschungsdaten und Möglichkeiten, die Wissenschaftler und Bibliothekare auf der ganzen Welt verbindet. Unsere Mrs Elm ist alterslos – zumindest versichern wir ihr das regelmäßig. Sie war schon immer da und wird immer da sein. Sie erinnert sich an die Gründung von ZB MED 1973 genauso wie an die digitale Transformation. Ab und zu schiebt sie sich die Brille wieder auf ihre kleine Nase. Sie kennt die Regale von Anatomie bis zur Zytologie, von der Anthropologie bis zur Zahnheilkunde. Natürlich trägt sie einen schicken Cardigan und einen dicken Schal. Dabei zieht es nicht einmal. Sie hat eine mary-poppins-artige Tasche dabei, aus der sie gelegentlich Tupperdosen mit selbstgebackenem Kuchen, Gabeln, Thermoskannen gefüllt mit Tee und Pumpkin Spice Latte und Kissenrollen für den Rücken zieht Mrs Elm hat freundlich jeden angelächelt, der das Gebäude die vielen, vielen Jahre genutzt hat. Und als keiner mehr kommen konnte, um seine Tasche in die Schränke zu werfen, die Arbeitsplätze zu nutzen und möglichst geräuschlos einen Apfel zu kauen, was – wie wir wissen – eigentlich nicht möglich ist – da hat sie einmal schwer geatmet. Die Stille war jetzt eine andere.
Aber: Stille bedeutet nicht Stillstand. Ganz im Gegenteil. Ein Gebäude ist nur ein Gebäude. Ein Buch ist am Ende nur ein Buch. Aber aus der Ferne vierundzwanzig Stunden am Tag auf das gesammelte Wissen der Gesellschaft zugreifen zu können, ist Freiheit.
Kleiner Exkurs: Ich gehe gern auf den Rummel. Man kann auf dem Rummel viel Geld ausgeben. Für Fahrgeschäfte, für Zuckerwatte und um an diesen verdammt gestapelten Blechdosen den Frust der Woche auszulassen. Das meiste Geld aber schmeißt man fast unbemerkt in einen Automaten, der verspricht, dass das Glück nur einen Greifarm entfernt liegt. Die kuscheligen Versprechungen stapeln sich in den Glaskästen und dieser eine, der ist doch ganz locker, den kannst du doch leicht von oben, und dann nur festhalten, nur bis zur Röhre, für’n Euro, das probieren wir. Nur einmal. Und schwups, ist eine hohe zweistellige Summe unbemerkt im Schlitz verschwunden und in deinen Armen liegt immer noch kein Pikachu.
Hier stehen und sitzen wir im Gegenteil dieser Claw Machine. Der Zugriff auf das Wissen ist immer möglich – und vor allem, immer erfolgreich. Ein Arm nach dem anderen, auf alles, alles kann ich zugreifen, ohne dass eine traurige Musik erklingt und ich aufgefordert werde, es noch einmal zu probieren. Ich darf mein Geld behalten und habe gleichberechtigten Zugang zu allen Ressourcen – wie jeder andere auch. Und dabei muss ich nicht orientierungslos wühlen, sondern unsere Mrs Elm ist eine Pionierin in digitaler Souveränität – sie ist strukturiert und hilft uns die richtigen Quellen zu finden und sie korrekt zu verwenden.
Mrs Elm ist die beste Freundin der Forschenden. Und wie ist das mit einer besten Freundin? Richtig, sie ist immer da. Sie ist die Kurzwahltaste im Leben. Immer erreichbar. An manchen Tagen jongliert Mrs Elm mit so vielen Themen, das einem fast schwindelig werden könnte: Forschungsdaten, Open Access, Bibliometrie, Lehre, Publikationen, Projekte… „MRS ELM – DARF’S NOCH EIN BALL MEHR SEIN?“
Lange hat niemand gesehen, was Mrs Elm hinter diesen dicken Mauern eigentlich leistet. Die Forschenden kamen zu IHR. Inzwischen kommt SIE zu ihnen. Und so wird sie gesehen. Nicht nur von denen, die früher ihre Ledertasche auf die Schreibtische schmissen und mit dem Bleistift still vor sich hinkratzten oder sich das Gesicht vom bläulichen Schein der Laptops erhellen ließen. Sondern von so vielen Menschen mehr. Der Weg ins Digitale hat ihre Bibliothek vergrößert, ohne mehr Quadratmeter zu beanspruchen.
Als ich damals an dem kleinen Holztisch saß, in einem Raum, der nach einer Mischung aus durchgeatmetem Schulflur, bedrucktem Papier und modrigem Teppich gerochen hat, war mir selbstverständlich nicht bewusst, wie sehr sich die Medienlandschaft und damit ihre Nutzungsstätten ändern werden. Dass ich mich viele Jahre später nur noch dunkel daran erinnern werde, wie ich zur Schulzeit und im Studium durch die Regale geschlichen bin, um endlich das Werk mit der richtigen Signatur zu finden. Wie ich vorher an Zettelkästen saß, um überhaupt festzustellen, welche Signatur ich zu suchen hatte. Wie ich Bücher reservieren oder aus andere Städten anfordern musste und es Ewigkeiten dauerte, bis diese endlich vorlagen. Heute würde ich in Jogginghose, mit halb ausgetrunkenem Kaffee und ungeschminkt vor dem Laptop sitzen und mich einfach nur einloggen. Niemand würde kontrollieren, ob ich zugangsberechtigt bin. Ich dürfte – man stelle es sich vor – nebenbei Musik hören, oder essen. Ich dürfte sogar reden! Ich wüsste nicht mit wem, aber es wäre erlaubt. Ich würde dieses Gebäude also in einem digitalen Universum betreten und niemand würde mich zu einer bestimmten Uhrzeit bitten zu gehen, weil jetzt auch mal Schluss sei. Es klingt wie ein Traum.
Um diesen Traum wahr werden zu lassen, arbeiten Mrs Elm und ihre Kolleg*innen sehr viel. Sie ackern. Sie ackern nicht nur für sich, sondern sie kämpfen um das Überleben ihrer Institution. Wir können es uns wirklich so vorstellen wie fleißige Bäuer*innen, die das Feld bestellen, säen, gießen, ernten und dann wieder von vorne beginnen. Tag für Tag für Tag für Tag für… Sie haben es verstanden. Und all das tun diese Bibliotheks-Bäuer*innen mit einem Herz aus Gold – oder würde man an dieser Stelle sagen, einer Lesebrille aus Gold?
Aber es gibt eine Sache, die nicht besonders goldig aussieht. Geld. Geld sieht in diesem Fall nicht besonders goldig aus. Es sieht gar nicht aus. Denn es fehlt. Immer und überall. Denn die Geldgeber haben keine Lesebrille aus Gold, man könnte vermuten, sie haben gar keine, denn sie sehen an so vielen Stellen nicht, wie wichtig die Arbeit und das Engagement in wissenschaftlichen Bibliotheken ist. Wie weitreichend die Wirkung. Wie entscheidet für eine Gesellschaft, die jeden Tag profitiert von den Ergebnissen der Forscherinnen und Forscher, die vielleicht ungekämmt und in Schlafanzughose vor dem Laptop sitzen. Und statt Mut und Motivation zu verlieren, entscheiden sich Mrs Elm und ihre Kolleg*innen für riesige Schritte ins Digitale. Sie entscheiden sich dafür eine Inspiration für andere Bibliotheken zu sein. Dafür, das Oxymoron – und jetzt habe ich in diesem Text sogar ein Wort aus meiner akademischen Laufbahn untergebracht – dafür, das Oxymoron ortsunabhängiger Ort kein Paradoxon sein zu lassen.
Ich weiß, wir haben das Jahr 2026, aber vielleicht sagt der einen oder anderen Person noch der Name „Robin Hood“ etwas. Der Held der Armen und Unterdrückten? Der Typ aus der Nähe von Nottingham, der gesellschaftliche Ungleichheiten ausgleichen und Ressourcen zugänglich machen wollte, die sonst wenigen vorbehalten waren? Der also, so würde man das heute wohl sagen, Ressourcen demokratisiert hat? ZB MED macht nichts anderes. Gut, hier wird jetzt nicht durch Köln geritten und von den Reichen genommen – warum eigentlich nicht? Aber: ZB MED demokratisiert Wissen und Information. ZB MED sorgt dafür, dass Wissen eben nicht nur einer ausgewählten Gruppe gehört. Zugang für alle, unabhängig von individueller Kaufkraft.
Die Moral von der Geschicht ist also: Bibliotheken sind der Robin Hood der modernen Medienlandschaft. In der Mitternachtsbibliothek lernt Protagonistin Nora am Ende, dass nicht die verpassten Möglichkeiten unser Glück bestimmen, sondern das, was wir aus den Möglichkeiten machen, die noch vor uns liegen. Bibliotheken sind ein Raum der Möglichkeiten und der Orientierung. Sie eröffnen uns Wege. Und ZB MED eröffnet diese Wege auf besonders innovative Art und Weise.
Mrs Elm wäre stolz.“
Mehr Infos zur Preisverleihung:
Laudatio von Doc Esser
Fotos
Ein Video das zeigt, wie groß die Freude der Mitarbeitenden ist
Pressemitteilung
Über die Auszeichnung


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