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Bibliothek des Jahres: ZB MED ist eine Infrastruktur, die die Nutzenden begleitet – überall dort, wo sie lernen, forschen und Medizin machen.

Der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) überreichte ZB MED am 29. Oktober 2026 in Köln den mit 20.000 Euro dotierten Preis „Bibliothek des Jahres 2026“. Die Laudatio hielt Dr. Heinz-Wilhelm Esser, vielen bekannt als Doc Esser aus dem WDR-Gesundheitsformat:

„Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wenn man „Bibliothek des Jahres“ hört, hat man wahrscheinlich erst einmal ein ziemlich klassisches Bild im Kopf:
Regale. Bücher. Zeitschriften. Menschen, die möglichst leise sind.

Und wenn man aus Köln kommt, weiß man spätestens beim letzten Punkt: Das kann also eigentlich nicht ZB MED sein. Denn ZB MED ist heute etwas ganz anderes. Und genau das finde ich als Arzt so spannend. Ich bin Mediziner. Und Medizin bedeutet für mich jeden Tag, Entscheidungen auf der Grundlage von Wissen zu treffen. Wissen, das sich inzwischen in einem Tempo verändert, bei dem kein Mensch mehr ernsthaft glauben kann, er könne es einfach im Kopf behalten. Was gestern noch Lehrbuchwissen war, kann morgen ergänzt oder korrigiert sein. Neue Studien erscheinen, Leitlinien ändern sich, Forschungsdaten entstehen – und zunehmend kommt künstliche Intelligenz hinzu, die all diese Informationen miteinander verknüpfen soll.

Die entscheidende Frage lautet deshalb heute nicht mehr nur: Wo finde ich medizinisches Wissen?

Sondern: Wie finde ich das richtige Wissen? Wie kann ich ihm vertrauen? Wie kann ich Daten und Literatur miteinander verbinden? Und wer stellt eigentlich sicher, dass ich morgen noch darauf zugreifen kann?

Und genau da beginnt für mich die moderne Aufgabe von ZB MED.
ZB MED ist eben nicht mehr die Bibliothek, zu der man hingeht, um ein Buch aus dem Regal zu ziehen. ZB MED ist eine digitale Informationsinfrastruktur für die Lebenswissenschaften.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte hinter dieser Auszeichnung. Denn hier wurde nicht versucht, die Bibliothek von gestern irgendwie in die digitale Welt hinüberzuretten. Hier wurde neu gedacht, was eine Bibliothek im 21. Jahrhundert leisten muss. Und dazu gehört für mich zunächst etwas ganz Entscheidendes: Ortsunabhängigkeit.

Eine moderne Bibliothek ist nicht mehr in erster Linie ein Gebäude mit Öffnungszeiten. Sie ist im besten Fall ein Wissensportal, das 24 Stunden am Tag verfügbar ist – egal, wo ich gerade sitze. Im Krankenhaus. In der Praxis. Im Homeoffice. An der Universität. Oder abends zu Hause, wenn man um halb elf noch unbedingt wissen möchte, ob diese eine Studie tatsächlich das gezeigt hat, was der Kollege am Nachmittag behauptet hat. Das ist für mich keine Nebensache. Es ist ein fundamentaler Wandel.

Früher musste der Mensch zur Information kommen. Heute muss die Information zum Menschen kommen.

Und damit verändert sich auch die Perspektive einer Bibliothek. Sie wird nutzerzentriert. Nicht die Nutzerinnen und Nutzer müssen ihren Alltag danach organisieren, wann und wo Wissen verfügbar ist. Das Angebot muss sich ihrem Alltag anpassen. Wir arbeiten im Homeoffice, wir lernen mobil, wir forschen international, Ärztinnen und Ärzte arbeiten im Schichtdienst und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ganz sicher nicht ausschließlich montags bis freitags zwischen neun und fünf.

Eine digitale Bibliothek muss dieser Realität Rechnung tragen. Und dass dieses Angebot tatsächlich gebraucht wird, lässt sich inzwischen auch ziemlich nüchtern belegen. Die intensive Nutzung digitaler Fernzugriffe, von Datenbanken und elektronischen Zeitschriften zeigt schwarz auf weiß:

Das ist kein modischer Trend. Das ist ein Grundbedürfnis moderner Wissenschaft.

Und genau deshalb finde ich den Fernzugriff von ZB MED so interessant. Denn die moderne Bibliothek wartet nicht mehr darauf, dass der Nutzer zu ihr kommt. Sie kommt zum Nutzer.

Aber ZB MED geht noch deutlich weiter. Dazu gehört beispielsweise LIVIVO – eine Suchmaschine speziell für die Lebenswissenschaften, die wissenschaftliche Informationen auffindbar und nutzbar macht. Es geht um Forschungsdatenmanagement. Denn moderne medizinische Forschung produziert nicht nur Publikationen, sondern gewaltige Mengen an Daten. Und diese Daten müssen strukturiert, auffindbar, nachvollziehbar und möglichst wiederverwendbar sein. ZB MED engagiert sich deshalb auch in der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur, der NFDI.

Und dann gibt es einen Punkt, den ich persönlich besonders wichtig finde: Open Access.

ZB MED beschäftigt sich damit nicht erst, seit Open Science ein Begriff geworden ist, den jeder gerne in seine PowerPoint-Präsentation schreibt. Mit German Medical Science engagiert sich ZB MED bereits seit 2003 für frei zugängliche wissenschaftliche Publikationen. Und aus medizinischer Sicht ist das enorm wichtig. Denn Wissen wird nicht wertvoller, wenn man möglichst viele Mauern darum baut. Wissen wird wertvoller, wenn Menschen damit arbeiten können. Wenn eine Ärztin eine Studie lesen kann. Wenn ein Wissenschaftler auf Daten zugreifen kann. Wenn Forschung überprüfbar wird. Und wenn aus Forschung neues Wissen entsteht.

Damit kommen wir zu einem Thema, das in den vergangenen Jahren plötzlich eine ganz neue Bedeutung bekommen hat: digitale Souveränität.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wesentliche Teile unserer wissenschaftlichen Infrastruktur außerhalb Europas liegen. Das bekannteste Beispiel für uns Mediziner ist PubMed. Ich benutze PubMed. Meine Kolleginnen und Kollegen benutzen PubMed. Die medizinische Wissenschaft auf der ganzen Welt benutzt PubMed. Und PubMed ist eine großartige Ressource.

Aber die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre haben uns auch gezeigt, dass Wissenschaft und wissenschaftliche Infrastruktur nicht vollkommen losgelöst von politischen Entscheidungen existieren.

Und deshalb müssen wir uns in Europa eine ziemlich grundsätzliche Frage stellen:

Ist es klug, bei einer so wichtigen Ressource wie dem Zugang zu medizinischem Wissen von einer einzigen Infrastruktur außerhalb Europas abhängig zu sein?

Ich glaube: nein. Nicht, weil wir gegen PubMed sind. Nicht, weil wir uns wissenschaftlich abschotten wollen. Ganz im Gegenteil. Wissenschaft muss international sein. Aber Internationalität funktioniert am besten auf Augenhöhe. Und dafür braucht Europa eigene, leistungsfähige und offene wissenschaftliche Infrastrukturen.

Genau deshalb finde ich das Engagement von ZB MED für OLSPub, eine offene Alternative beziehungsweise Ergänzung zu bestehenden Publikations- und Recherche-Infrastrukturen, so spannend. Denn plötzlich reden wir bei einer Bibliothek über etwas, das weit über Bücher und Zeitschriften hinausgeht.

Wir reden über die Frage: Wer organisiert das Wissen von morgen?

Wer sorgt dafür, dass medizinisches Wissen auffindbar bleibt? Wer verbindet Literatur mit Forschungsdaten? Wer schafft offene Strukturen? Und wer sorgt dafür, dass Europa dabei nicht ausschließlich von anderen abhängig ist?

Das ist digitale Souveränität. Und für mich ist das vielleicht der wichtigste Grund, warum diese Auszeichnung so gut zu ZB MED passt. Eine Bibliothek des Jahres 2026 muss nicht die Bibliothek mit den meisten Regalen sein. Vielleicht ist es sogar genau umgekehrt. Eine Bibliothek des Jahres 2026 muss verstanden haben, dass ihre wichtigste Aufgabe nicht darin besteht, Wissen an einem bestimmten Ort aufzubewahren.

Ihre Aufgabe ist es, Wissen zugänglich, auffindbar, verknüpfbar und verlässlich zu machen. Rund um die Uhr. Ortsunabhängig. Und ausgerichtet an den Menschen, die dieses Wissen tatsächlich brauchen. Das kann eine Wissenschaftlerin in München sein. Ein Arzt im Bergischen Land. Eine Forscherin irgendwo in Europa. Oder ein junger Mensch am Anfang seiner wissenschaftlichen Karriere.

Und genau darin liegt für mich die besondere Leistung von ZB MED: Aus einer klassischen medizinischen Bibliothek ist eine moderne digitale Infrastruktur für die Lebenswissenschaften geworden.

Offen. International. Innovativ. Nutzerorientiert.

Und – das darf man an diesem Standort vielleicht hinzufügen – trotz aller Digitalisierung erfreulich kölsch geblieben. Und sympathisch offenbar auch. Aber das stand, glaube ich, nicht offiziell in der Jurybegründung. Vielleicht sollte man es bei der nächsten Bewerbung ergänzen.

Meine Damen und Herren, Medizin braucht Forschung. Forschung braucht Daten. Daten brauchen Strukturen. Und all das braucht freien, verlässlichen und unabhängigen Zugang zu Wissen.

ZB MED schafft genau diese Strukturen. Deshalb ist diese Auszeichnung nicht nur eine Anerkennung dessen, was hier in den vergangenen Jahren entstanden ist. Sie ist auch ein ziemlich starkes Signal dafür, was Bibliotheken in Zukunft sein können. Nicht unbedingt ein Ort, zu dem wir gehen. Sondern eine Infrastruktur, die uns begleitet – überall dort, wo wir lernen, forschen und Medizin machen.

Herzlichen Glückwunsch an das gesamte Team von ZB MED zur Auszeichnung als Bibliothek des Jahres. Bleiben Sie offen, bleiben Sie international, bleiben Sie digital. Und bitte bleiben Sie auch ein bisschen kölsch.

Vielen Dank.“


Mehr Infos zur Preisverleihung:

Poetry Slam von Ninia LaGrande
Fotos 
Ein Video das zeigt, wie groß die Freude der Mitarbeitenden ist
Pressemitteilung
Über die Auszeichnung 

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