Das sogenannte „letter-bombing“ stellt Herausgebende vor Herausforderungen
Von Jasmin Schmitz
Briefe an die Herausgebenden oder Kommentare (engl. Letters to the Editor oder Comments) sind eine Form des „post-publication review“ [a]. Ihnen kommt in der wissenschaftlichen Kommunikation eine wichtige Rolle zu: Sie kommentieren Forschungsergebnisse, die in einer Zeitschrift erschienen sind. Dabei stellen sie die Ergebnisse in einen anderen Kontext oder interpretieren die Daten aus einem neuen Blickwinkel [b, c]. Auch methodische Kritik ist möglich [d]. Um diese meist kurzen und sehr prägnanten Briefe und Kommentare verfassen zu können, sind jahrelange Forschungserfahrung sowie eine gründliche Kenntnis des aktuellen Forschungsstandes nötig.
„Letter-bombing“ bei wissenschaftlichen Zeitschriften
In letzter Zeit berichten Herausgebende vermehrt vom sogenannten „letter-bombing“ [c]: Kurz nach Erscheinen eines Forschungsartikels treffen zahlreiche Reaktionen ein – zwar gut formuliert, aber insgesamt doch von geringer argumentativer Substanz [b]. Auffällig ist dabei, dass mehrere dieser Texte oftmals mehr oder weniger inhaltsgleich sind oder formelhaft wirken [c]. Es kommt aber auch vor, dass die Briefe das Thema verfehlen oder weitere Untersuchungen vorschlagen, die keinen Sinn ergeben [e]. Gelegentlich werden auch ausgerechnet ähnliche Arbeiten derjenigen Autor:innen zur Orientierung angeführt und zitiert, deren Publikation gerade kritisiert wird [a]. Auffällig ist bei den Briefen zudem, dass sie in erster Linie auf das Abstract eingehen [c].
Betrachtet man die Profile der Verfasser:innen genauer, stößt man auf eine Reihe von umtriebigen Briefeschreiber:innen, die erst seit kurzer Zeit am wissenschaftlichen Kommunikationsgeschehen teilnehmen, aber bereits über eine beachtliche Publikationsliste verfügen – überwiegend bestehend aus einer ganzen Reihe solcher Briefe oder Kommentare. Extremfälle kommen auf bis zu 100 solcher Publikationen innerhalb weniger Monate und legen dabei eine erstaunliche thematische Breite an den Tag: Scheinbar halten sich die Autor:innen für kompetent genug, Ergebnissen aus sehr vielen unterschiedlichen medizinischen Fachgebieten einordnen zu können [c]. Berichtet wird von bis zu 3.000 Autor:innen, die in ihrem ersten Jahr als Publizierende mindestens drei Letters veröffentlicht haben [f].
Outputsteigerung mittels generativer KI
Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, wie Masse und Vielfalt zustande kommen: Die Letters werden mit generativer KI erstellt, deren Nutzung nicht deklariert wird [g], obwohl viele Journal-Policies mittlerweile darauf bestehen. Augenscheinlich bieten die Beiträge zwar alles, was einen Letter ausmacht, enthalten oft aber auch solche Merkmale, die man gemeinhin mit generativen KI-Tools in Verbindung bringt, wie z.B. Halluzinationen [a], Phrasen statt klar formulierter Kritik oder fehlende Unterstützung der Aussage durch die angeführte Literatur [g].
Offensichtlich dienen die Beiträge weniger dem Zweck, die wissenschaftliche Kommunikation zu bereichern, sondern dazu, die Publikationsliste zu verlängern und Outputkennzahlen der Autor:innen nach oben zu treiben, denn Letters werden in Fach- und Zitationsdatenbanken indexiert und zählen bei der Forschungsbewertung [c]. Adressiert werden somit gerne auch Zeitschriften, die in PubMed gelistet sind [h] und solche, die Letters klar als Publikationstyp ausweisen [b].
Dieser Publikationstyp ist neben der Kürze auch deshalb für die Outputsteigerung so beliebt, weil er im Unterschied zu Forschungsartikeln und Reviews bei vielen Zeitschriften nicht mehrfach begutachtet wird [d] und bei Open-Access-Zeitschriften von den Publikationsgebühren befreit ist [i]. Vielschreiber:innen geben als Rechtfertigung zudem an, dass dies für sie überhaupt eine Möglichkeit darstellt, wissenschaftlich zu publizieren, weil sie selbst nicht über Forschungsgelder im größeren Ausmaß verfügen, die nötig wären, um beachtenswerte Forschungsergebnisse erzielen und veröffentlichen zu können [i].
Was können Herausgebende gegen „letter-bombing“ tun?
Die Flut an Briefen stellt Herausgebende vor Herausforderungen, denn jede Einreichung muss zumindest im Rahmen eines Desk Reviews auf Seriosität überprüft werden; dies bindet Ressourcen [c]. Bei einige Zeitschriften ist das Aufkommen derart groß, dass sie – zumindest temporär – die Notbremse ziehen und keine Letters etc. mehr veröffentlichen oder deren Anzahl stark begrenzen, was allerdings von den Herausgebenden und den Lesenden gleichermaßen als Verlust der Vielfalt bei der wissenschaftlichen Kommunikation wahrgenommen wird [b] und den Erkenntnisfortschritt behindern kann [f].
Eine Möglichkeit, der Postflut zu begegnen ist, die eingehenden Letters nicht sofort zu veröffentlichen, sondern Autor:innen des darin kommentierten Artikels die Möglichkeit zu geben, zu den angeführten Punkten Stellung zu nehmen [c], so dass Beiträge, die rein der Outputsteigerung dienen, eher auffallen.
Herausgebenden wird zudem empfohlen, sich mit der Publikationshistorie der Briefeschreiber:innen auseinanderzusetzen, um zu erkennen, ob es diesen eher um eine weitere Publikation geht und ob überhaupt eine entsprechende Expertise vorliegt. Idealerweise sollten die Einreichungssysteme so überarbeitet werden, dass die Zuordnung zu Artikeln vereinfacht wird, um entsprechende Beiträge besser einschätzen zu können [c]. Andere vorgeschlagene Maßnahmen sind, dass der Einsatz von generativer KI beim Briefeschreiben generell verboten ist oder verpflichtend deklariert werden muss [a]. Des Weiteren wird die Abgabe einer Erklärung gefordert, dass eine Auseinandersetzung mit den Inhalten des Volltextes stattgefunden hat [c] oder darüber, wie viele Letters in den letzten drei Jahren publiziert wurden [a]. Zwar stellt dies noch keine Garantie dar, dass Autor:innen die Vorgaben beachten und wahrheitsgemäße Angaben machen, es kann bei einem Verstoß aber als eine Art Fehlverhalten gewertet werden, das zu einer Retraction und weitere Konsequenzen führen kann [c].
Andere Vorschläge zielen auf die Metriken ab: Letters und Kommentare sollten über die Metadaten klar gekennzeichnet sein, damit man sie bei der Berechnung von Indikatoren herausrechnen kann [a, c]. Darüber hinaus können wiederum KI-Tools zum Einsatz kommen, um KI-Missbrauch zu identifizieren [d, e].
Auswirkung auf die Reputation
Das Phänomen hat weitere Konsequenzen für die Reputationsbildung. Lesende der inhaltsarmen Briefe werden bei der Meinungsbildung beeinflusst, insbesondere dann, wenn sie die Beiträge nur überfliegen [c]. Zudem erzielen die Briefeschreiber:innen einen unfairen Vorteil: Autor:innen, die ausführlich über ihre seriösen Forschungsergebnisse berichten, kommen nicht annähernd auf einen vergleichbaren zahlenmäßigen Publikationsoutput [c, f]. Durch irrelevante Zitate in den Briefen und Kommentaren können zudem Impact-Indikatoren verzerrt werden [h].
Quellen
[a] https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-7992675/v1
[b] https://doi.org/10.1111/1471-0528.70312
[c] https://doi.org/10.1186/s12957-026-04465-6
[d] https://doi.org/10.1080/09638237.2025.2607990
[e] https://doi.org/10.1016/j.genhosppsych.2025.05.008
[f] https://www.nytimes.com/2025/11/04/science/letters-to-the-editor-ai-chatbots.html
[g] https://doi.org/10.1016/j.ijoa.2026.105249
