Mit Nadel und Faden Wissen retten: Bestandserhaltung in der Bibliothek
Wenn Sie an Nadel und Faden denken, was kommt Ihnen da als erstes in den Sinn? Vermutlich das Nähen mit Stoffen. Doch haben Sie sich schon einmal gefragt, wofür man in einer Bibliothek Nadel und Faden braucht? Sie haben richtig gelesen, in einer Bibliothek … Ein Beitrag von Marco Lauscher.
Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass wir unsere Bestände buchstäblich nähen müssen. Und manchmal reicht Nadel und Faden allein nicht aus, dann greifen wir zu Pinsel und Leim. Besonders unseren älteren Beständen, teilweise aus dem 19. Jahrhundert, sieht man das Alter deutlich an. Viele dieser Werke sind so stark beschädigt, dass eine Nutzung kaum noch möglich ist. Die häufigsten Gründe dafür sind:
Papierzerfall durch säurehaltiges Papier
Lederzerfall (auch „Roter Zerfall“ genannt)
Materialermüdung durch häufige Nutzung
All das ist Teil der sogenannten Bestandserhaltung. Dazu zählen alle Maßnahmen zur dauerhaften Sicherung von Medien, um sie für gegenwärtige und zukünftige Generationen zu erhalten. Wichtig dabei ist die Abgrenzung zwischen Reparieren und Restaurieren:
Reparieren: funktionale Reparatur, pragmatisch, auf Gebrauch ausgerichtet.
Restaurieren: konservatorisch, historisch orientiert, mit Originalmaterial und -ästhetik.
Restaurierungen werden nur selten und ausschließlich bei historisch wertvollen Beständen durchgeführt. In der Regel reparieren wir unsere Bestände und bringen sie in einen Zustand, der eine uneingeschränkte Nutzung wieder ermöglicht.
Die folgende Bilderstrecke zeigt exemplarisch drei typische Schadensbilder und den Ablauf ihrer Reparatur.
1. Reparatur abgefallener Buchrücken: Hülse mit Leim
1. Deutliche Schäden sind sichtbar: Buchdeckel, Buchblock und Rücken haben sich gelöst.
2. Der Buchblock wird mit Leim wieder befestigt.
3. Aus Packpapier wird ein Streifen zugeschnitten, der etwa zweieinhalbmal so breit ist wie der Buchblock.
4. Zunächst wird der Buchblock mit Leim bestrichen, anschließend der zugeschnittene Packpapierstreifen aufgeklebt, wobei etwa ein Drittel oben überstehen sollte. Dieses obere Drittel wird ebenfalls mit Leim bestrichen, bevor die unteren Zweidrittel darübergelegt und festgeklebt werden.
5. Die sogenannte Hülse wird mit Leim bestrichen, anschließend wird der abgefallene Buchrücken darauf aufgeklebt.
6. Um den abgefallenen Buchdeckel wieder zu befestigen, wird auf der ersten Seite ein kleiner Streifen eingeklebt und von außen mit einem Gewebeband stabilisiert.
7. Die Hülse sorgt dafür, dass sich der Buchblock sauber öffnen lässt und dabei nicht bricht.
2. Reparatur instabiler Einzelhefte: Umschlag mit Nadel und Faden
1. Durch das senkrechte Lagern des Schriftstücks sind deutliche Verformungen und Beschädigungen entstanden.
2. Die alte Heftung wird entfernt.
3. Der neue Faden (Leinenzwirn) sollte etwa doppelt so lang sein wie das zu bindende Heft.
4. Der Umschlag wird passend zugeschnitten.
5. Da es sich in diesem Fall um ein größeres Heft im A4‑Format handelt, wird eine 5‑Stich‑Heftung angewendet. Mit einer dickeren Nadel werden die Löcher in die Lage (eine Gruppe von Blättern, die ineinandergelegt und anschließend zusammengeheftet werden) gestochen, durch die später der Faden geführt wird.
6. Der Faden wird durch das Heft geführt und am Ende fest verknotet.
7. So sieht die Heftung von außen aus.
3. Reparatur instabiler Einzelhefte: Umschlag mit Leim
1. Drei Hefte sollen gemeinsam in einen festen Umschlag eingeklebt werden.
2. Die Heftung wird entfernt, sodass einzelne, lose Blätter entstehen.
3. Die Seiten werden aufgefächert und mit Leim bestrichen. Dieser Vorgang wird als Lumbecken bezeichnet.
4. Die im Umschlag eingeklebten Hefte werden zum Fixieren beschwert.
5. Alle Hefte wurden zu einem Band zusammengeklebt.