Erfahrungsbericht über ein berufsbegleitendes MALIS-Studium in der zweiten Karrierehälfte
von Susanne Ruhm
Bibliotheken sind im Zuge des Megatrends Digitalisierung nicht nur gefordert, sich permanent technologisch anzupassen. Gleichzeitig ist es für sie unerlässlich, hochqualifizierte Mitarbeitende zu beschäftigen, die den komplexen, sich ständig wandelnden Anforderungen gerecht werden können. Vor diesem Hintergrund kommt der wissenschaftlichen Weiterbildung eine große Bedeutung zu. (Engelkenmeier et al., 2022; Petschenka & Engelkenmeier, 2026)
Doch was bedeutet diese Tatsache für Bibliotheksbeschäftigte im Allgemeinen? Und was bedeutet sie für diejenigen, deren erster Abschluss schon lange zurückliegt, im Besonderen? Die Autorin dieses Artikels hat den Selbsttest gewagt: Nach einem ersten Abschluss zur Diplom-Bibliothekarin (FH) in den von Papier und Disketten geprägten frühen 1990er Jahren begann sie im Jahr 2024 ein Fernstudium als freie Studierende im weiterbildenden Masterstudiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft, MALIS[1], an der Humboldt-Universität zu Berlin[2].
Diese Studienform ermöglicht eine akademische Weiterbildung neben bestehender Berufstätigkeit (Wimmer & Gäde, 2022). Aber gilt dies auch in der zweiten Karrierehälfte im Alter von 50+? Schließlich sind nur knapp drei Prozent der Absolvent:innen dieser Altersgruppe zuzuordnen (Radek, 2024), eine Zahl, die der Autorin das Gefühl gab, zu einer exklusiven, wenn auch leicht exzentrischen Minderheit zu gehören.
Der vorliegende Erfahrungsbericht dokumentiert das mittlerweile beendete, zweijährige Weiterbildungsstudium parallel zu einer Berufstätigkeit in einer Spezialbibliothek. Ziel des Beitrags ist es, Synergien zwischen langjährigem Praxiswissen und aktueller bibliothekswissenschaftlicher Theorie aufzuzeigen und ein Plädoyer für den Mut zu lebenslanger akademischer Weiterbildung zu halten.
Warum eigentlich noch mal studieren?
Der Entschluss, in der zweiten Karrierehälfte ein anspruchsvolles Masterstudium aufzunehmen, entsprang dem Wunsch nach einer fundierten theoretischen Basis für das tägliche Handeln. Oder verhielt es sich ganz anders? Womöglich hat die Autorin auch lediglich zu viel Zeit mit jüngeren Kolleg:innen, Semesterpraktikant:innen und studentischen Hilfskräften verbracht. Angesichts deren Erzählungen über moderne Prüfungsformate, Credit Points und Online-Plattformen erwachte der langgehegte Wunsch, die eigene akademische Ausbildung weiterzuführen, getragen von der optimistischen Annahme, dass jahrzehntelange Berufserfahrung die verblasste jugendliche Lerndynamik mühelos kompensieren würde.
Gleichwohl war die Startphase von einer tiefen Ambivalenz geprägt. Angesichts der jahrzehntelangen Distanz zum universitären System und einer unveränderten vollen beruflichen Auslastung wich die anfängliche Euphorie schnell rationalen Zweifeln. Es stellte sich die ernüchternde Frage, ob das studentische Pensum neben den bestehenden Verpflichtungen überhaupt bewältigbar sei, oder ob man sich im Taumel der intellektuellen Nostalgie schlicht überschätzt hatte.
Dies gilt umso mehr, als Beschäftigte aus Bibliotheken mit einem ersten LIS-Abschluss, die eine Höherqualifizierung anstreben, den deutlich kleineren Teil der Studierenden in diesem Studiengang ausmachen. Den weitaus größeren Teil bilden […] Quereinsteiger:innen aus anderen Fächern, häufig in Verbindung mit einer Promotion (Wimmer & Gäde, 2022, S. 384), was auf die Autorin besonders beeindruckend wirkte.
Sie entschied sich daher bewusst für eine Guerilla-Taktik und informierte ihren Arbeitgeber vorab nicht über das Vorhaben. Während das eigene Narrativ ausschließlich von intellektueller Neugier sprach, verhinderte das Verschweigen ganz pragmatisch, dass ein potenzielles Scheitern im ersten Semester zu einem kollegialen Dauerthema in der Kaffeeküche avancierte. Ironischerweise zeigte sich rasch, dass die graue Theorie der Universität im realen Arbeitsalltag der Bibliothek weit weniger theoretisch war als gedacht und sich ab Tag eins fast schon erschreckend direkt anwenden ließ.
Die erste Fahrt nach Berlin
Im Oktober 2024 führte die erste Reise im Rahmen des Studiums nach Berlin. Auf dem Plan stand die Einführungswoche. Für die Unterbringung stand das – bedauerlicherweise zum Jahresende 2026 schließende – Gästehaus der Humboldt-Universität zur Verfügung, was der Reise immerhin einen passenden Hauch von historischer Universitätsatmosphäre verlieh.
Die Anspannung im Zug nach Berlin war hoch: Unweigerlich projizierte die Autorin Schreckensszenarien von hochdigitalisierten Gen-Z-Kommiliton:innen, unnahbaren Dozent:innen und einem theoretischen Überbau, der sie sofort als Relikt der 1990er-Jahre entlarven würde.
Auf diese anfängliche Ungewissheit folgte vor Ort jedoch rasch Erleichterung. Die Aufnahme gestaltete sich äußerst herzlich, die Gruppendynamik erwies sich als erfreulich pragmatisch statt elitär, und die ersten fachlichen Inhalte besaßen den angenehmen Vorteil, auf Anhieb das Interesse zu wecken.[3]
Die Praktikumshürde, die keine war
Ein integraler Bestandteil des Curriculums ist eine 18-wöchige berufspraktische Tätigkeit, die für eine Anerkennung dem Inhalt und Niveau des Studiums entsprechen muss. Ein Umfang von 18 Wochen wirkte – insbesondere neben der regulären Berufstätigkeit – zunächst wie eine erhebliche Hürde. Erfreulicherweise sieht die Studienordnung vor, dass einschlägige Tätigkeiten in der Bibliotheks- und Informationspraxis aus den vergangenen fünf Jahren auf Antrag angerechnet werden können. Die anschließende formale Prüfung brachte der Autorin dieses Berichts große Erleichterung: Ihr wurden die gesamten 18 Wochen vollumfänglich anerkannt. Dies stellte eine signifikante Entlastung dar, dürfte jedoch eher eine Ausnahme sein.
Digital und flexibel: Der Studienablauf
Die zugehörigen Konsultationen finden in einem Rhythmus von zwei bis drei Wochen jeweils freitags und samstags statt. Die Teilnahme ist flexibel gestaltbar und erfolgt wahlweise in Präsenz vor Ort in Berlin oder digital via Zoom. Da sämtliche Lehrveranstaltungen aufgezeichnet werden, ist zudem ein zeitversetztes Studieren problemlos möglich.
Die technische Infrastruktur erweist sich als äußerst zuverlässig, und es gelingt der überwiegenden Mehrheit der Dozent:innen, die Online-Teilnehmenden aktiv und gleichberechtigt in das Geschehen einzubinden – ein digitaler Komfort, der bei der Autorin unweigerliche Erinnerungen an die analoge Hörsaal-Realität der 1990er-Jahre weckte. Die behandelten Thematiken zeichnen sich durch ein hohes Maß an Relevanz aus und bieten einen tiefen, motivierenden Einblick in das Fachgebiet. Dabei reicht die Bandbreite von praktischen Handlungsfeldern und Services über Management und IT bis hin zu Recht und Informationsethik.
Prüfungsstress inklusive: Die Leistungsnachweise
Während des Semesters sind verschiedene unbenotete, sogenannte kleine Aufgaben zu erledigen, während zum Ende der ersten drei Semester jeweils eine Modulklausur ansteht.[4] Vor der ersten Klausur stieg die Spannung bei der Autorin deutlich an – verbunden mit der Frage, ob das Absolvieren solcher Prüfungen Jahrzehnte nach dem ersten Studienabschluss noch erfolgreich bewältigbar sei. Als überaus hilfreich erwies sich hierbei die Vorbereitung in einer Lerngruppe, die sich aufgrund der räumlichen Distanz der Teilnehmenden digital organisierte.
Dennoch drängten sich auf der Zugfahrt nach Berlin unweigerlich die Fragen auf: Was mache ich hier eigentlich? Und warum genau tue ich mir das an? Der rationale Wunsch nach akademischer Spätqualifikation wich im Waggon vorübergehend dem dringenden Bedürfnis nach einem unkomplizierten, vorzeitigen Ruhestand.
Waren die Nervosität beim Schreiben der Klausur und die gespannte Erwartung beim Warten auf die Noten noch groß, führten die erfreulichen Ergebnisse schließlich zu großer Erleichterung. Es zeigte sich: Die Prüfungen sind in der Praxis absolut schaffbar.
Praxiswissen im Studium: Wenn Erfahrung zum Vorteil wird
Die vermeintliche Barriere des Alters erwies sich im Studienalltag sogar als Vorteil, da das über Jahrzehnte erlangte Praxiswissen eine wertvolle Basis bildete. Theoretische Studieninhalte konnten unmittelbar an erlebte Szenarien aus dem Berufsalltag angedockt werden. Diese Synergien erleichterten das Verständnis maßgeblich und transformierten das Studium von einer bloßen, anstrengenden Herausforderung zu einem inspirierenden, intellektuellen Ausgleich.
Berlin ohne Prüfungsdruck: Die Wahlpflichtwochenenden
Im vierten Semester boten zwei Präsenz-Wahlpflichtwochenenden in Berlin eine willkommene Abwechslung zum Fernstudium. Die Autorin entschied sich für die Module Bestandserhaltung sowie Handschriften und alte Drucke. Während das erste Fach einen direkten Bezug zu ihren aktuellen beruflichen Aufgaben aufwies, entsprang die zweite Wahl rein persönlichem Interesse.
Diese Wochenenden besaßen den Vorteil, frei von Prüfungsdruck zu sein, was der Autorin die Gelegenheit gab, die Bundeshauptstadt ungewohnt entspannt wahrzunehmen und persönliche Kontakte zu den Kommiliton:innen zu vertiefen. Völlig unbeschwert war der Aufenthalt dennoch nicht: Da die Termine parallel zum Schreiben der Masterarbeit stattfanden, war ein gutes Zeitmanagement gefragt. Die Freude an den vielseitigen Inhalten machte diese zusätzliche zeitliche Herausforderung jedoch mühelos wett.
Die Masterarbeit: Der unbezwingbare Berg?
Erschien die Masterarbeit zunächst wie ein unbezwingbarer Berg, forderte der Schreibprozess neben dem Berufsalltag vor allem ein hohes Maß an Disziplin. Die ständige, unterschwellige Sorge, die finale Hürde nicht rechtzeitig zu meistern, erwies sich dabei als treibende Kraft. Die technischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte und eine großartige Betreuung durch die Erstgutachterin trugen ihr Übriges zum Gelingen bei.
Wer seine erste Abschlussarbeit in den 1990er-Jahren noch völlig ohne digitale Literaturverwaltungsprogramme verfassen und jede Quelle mühsam in gedruckter Form vor Ort beschaffen musste, erlebte nun die Segnungen der Gegenwart: Remote-Zugriff auf E-Medien vom heimischen Schreibtisch aus, strukturierte Moodle-Leitfäden zu wissenschaftlichem Arbeiten und die vollautomatische Transkription von Interviews erleichterten den Forschungsprozess fundamental. Am Ende führte der große Respekt vor der Deadline zu einer unerwarteten Effizienz: Die Arbeit wurde schlussendlich sogar vor dem offiziellen Abgabetermin eingereicht.
Lohnt sich das?
Unbedingt! Ja, es ist harte Arbeit, und viele Abende sowie Wochenenden mussten für das Studium „geopfert“ werden, was Familie und Freunde zeitweise an der Existenz der Autorin zweifeln ließ. Der Autorin dieses Beitrags hat das Studium aber in erster Linie schlichtweg Spaß gemacht, sodass das Lernen nicht als Belastung, sondern als Bereicherung empfunden wurde.
Ob sich der Abschluss auch beruflich oder finanziell auszahlt, wird die Zukunft zeigen. Das erlangte zusätzliche Wissen und das unbezahlbare Erfolgserlebnis sind ohnehin ein bleibender, persönlicher Gewinn. Und eines steht fest: An einen frühen Ruhestand ist nach dem erfolgreichen Abschluss definitiv nicht zu denken – die Motivation, das neu gewonnene Wissen in der Praxis einzubringen, ist hoch.
Susanne Ruhm arbeitet seit Juni 2021 bei ZB MED und übernahm zunächst die Leitung der Fachgruppe Zeitschriften / Medizin. Später kamen die Leitung der Fachgruppen Einband und Bestandserhaltung, Current Contents und der Zeitschriften / Ernährung, Umwelt, Agrar hinzu. Zusätzlich betreute sie verschiedene Projekte, wie ein mehrjähriges Entsäuerungsprojekt und ein Projekt zur Einführung des Informationsbudgets bei ZB MED.

Literatur
- Engelkenmeier, U., Forster, M.-L., & Fröhlich, S. (2022). „Irgendwas mit Zukunft“ – Impulse für eine nachhaltige Aus- und Weiterbildung im Berufsfeld Bibliothek. Bibliothek Forschung und Praxis, 46(3), 450–456. https://doi.org/10.1515/bfp-2022-0033
- Petschenka, A., & Engelkenmeier, U. (2026). Weiterbildung und Bibliotheken: Partnerschaften für Wissen und Innovation in Personalgewinnung und Personalentwicklung. In N. Neuhaus de Laurel, U. Engelkenmeier, S. Manns-Süßbrich, F. Schade, A. Theise, & L. Werder (Hrsg.), Praxishandbuch Personalgewinnung in Bibliotheken (S. 305–320). De Gruyter Saur. https://doi.org/10.1515/9783111662985-020
- Radek, M. E. (2024). Fernstudium am IBI – und dann? Verbleibstudie für den weiterbildenden Masterstudiengang Bibliotheks- und Informationswissenschaft im Fernstudium am Institut für Bibliotheks- und Informatioswissenschaft (IBI) der Humboldt-Universität zu Berlin. Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. https://doi.org/10.18452/30042
- Wimmer, U., & Gäde, M. (2022). Eine Frage der Perspektive? Ein Abgleich der Erwartungen von Studierenden, Disziplin und Profession an bibliotheks- und informationswissenschaftliche Studiengänge. Bibliothek Forschung Und Praxis, 46(3), 382–388. https://doi.org/10.1515/bfp-2022-0032
[1] M.A. (LIS) = Master of Arts (Library and Information Science)
[2] Informationen zu Auswahlverfahren und Kosten finden sich unter https://www.ibi.hu-berlin.de/de/studium/studiengaenge/fernstudium/interessierte.
[3] Die einzelnen Lehrgebiete sind auf der Webseite des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft aufgeführt unter https://www.ibi.hu-berlin.de/de/studium/studiengaenge/fernstudium/m30/lm30.
[4] Eine der drei Klausuren kann auf Antrag durch eine Hausarbeit ersetzt werden.
